Klara Hattermann (1909-2003)

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Klara Hattermann (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
Klara Hattermann erblickte als Zwilling am 21. Mai 1909 in Emden das Licht der Welt. Der Vater verstarb bereits ein Jahr nach ihrer Geburt. Die beiden Mädchen verlebten glückliche Kinderjahre in Burgdorf bei Hannover, in Wald und Flur in ungebundenem Spiel. Die alleinerziehende Mutter legte besonderen Wert auf die Bildung ihrer Kinder und übersiedelte darum nach Hannover. Dort besuchte Klara das Lyceum und absolvierte anschließend die Ausbildung zur Kindergärtnerin, die ganz im Zeichen der Fröbelpädagogik stand. Anschließend arbeitete die junge Kindergärtnerin in einen Kinderheim in Springe (am Deister). 1929 ging sie nach Nürnberg. Hier betreute sie u. a. einen schwierigen Jungen und half im Haushalt aus. Folgend besuchte Klara Hattermann für ein halbes Jahr das Waldorf-Lehrerseminar in Stuttgart und arbeitete dann als Praktikantin im ersten Waldorfkindergarten, der von der „Urkindergärtnerin der Waldorfpädagogik“, Elisabeth von Grunelius, geleitet wurde.
 
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Klara Hattermann mit ihren Dresdner „Waldorfler“; Quelle: Ida-Seele-Archiv
1930 gründete Klara Hattermann in Hannover einen Kindergarten, den anfänglich nur vier Kinder besuchten. Da diesem noch kein Raum zur Verfügung stand, wurden Sparziergänge in dem ca. 640 ha großen Stadtwald Eilenriede unternommen. Heute würden wir von einem Wald-/Naturkindergarten sprechen. Zwei Jahre später konnten für die kleine „Wandergruppe“, die inzwischen auf über 10 Kinder angewachsen war, zwei Zimmer angemietet werden. Doch die meiste Zeit verbrachte Klara Hattermann im Freien, denn vor allem dort konnten die Kinder im Spiel „be-greifen“: mit allen Sinnen erleben, mit dem ganzen Körper bewegen, mit Füßen und Händen tätig sein. 1941 musste sie ihre Einrichtung schließen, das anthroposophische Weltbild war den Nazis ein Dorn im Auge. Die Pädagogin übersiedelte nach Dresden, wo die Waldorfpädagogik noch erlaubt war. Sofort sammelte sie eine Kindergruppe um sich in einem Kellerraum. Doch bereits nach drei Monaten musste Klara Hattermann erneut ihre Arbeit aufgeben. Daraufhin übernahm sie die Betreuung von ca. 30 Kindern in einem Kinderheim in Posen, das ihre Zwillingsschwester Helene von Radecki leitete. Als diese die Heimleitung abgeben musste, absolvierte Klara Hattermann die Jugendleiterinnenausbildung im Frauenseminar in Thale im Harz. Anschließend unterstützte sie beim Auf- und Ausbau einer Kinderpflegerinnenschule in Graudenz an der Weichsel, wo sie auch unterrichtete.


Beförderung der WaldorfpädagogikWaldorfpädagogik|||||Die Waldorfpädagogik wird der Reformpädagogik zugeordnet und wurde von Rudolf Steiner begründet (1861–1925). Seine Pädagogik basiert auf einer von ihm entwickelten Menschenkunde, die spirituelle Weltanschauung, fernöstlicher Lehren sowie naturwissenschaftlichen Erkenntnisse benhaltet. In Waldorfkindergärten sollen ErzieherInnen den Kindern durch Tun und schaffen ein Vorbild geben. Naturmaterialien sind häufig Bestandteil der Einrichtung und dienen als Lern- und Spielanreiz.

Nach 1945 war die Pädagogin maßgebend daran beteiligt, „die bestehende Kindergartenlandschaft durch Waldorfpädagogik zu inspirieren und qualitativ zu erweitern“ (Compani/Lang 2011, S. 20). Sie rief im zerbombten Hannover einen Kindergarten auf dem Schulgelände der Waldorfschule ins Leben. Dieser war in einer Baracke einquartiert, die bald so baufällig geworden ist, „daß aus dem Fußboden das Gras wuchs, und der Wind durch die leichten Bretterwände pfiff“ (Hattermann 1960, S. 35). Die Kindergartenleiterin war bestrebt, mit ihrer Einrichtung den der Zeit geschuldeten kindlichen „Schädigungen entgegenzuwirken“ (Hattermann 1958, S. 25). Besonders das Kind im Jahrsiebent, so Klara Hattermann, benötigt „Oasen... in denen es sich seiner Lebensstufe gemäß entwickeln kann und Helfer findet, die aus der neuen Erkenntnis des Wesens des Kindes sich bemühen“ (ebd.). Darum stand für die Waldorfpädagogin an erster Stelle, gleich zu Beginn des Kindergartenalltags das Kind einzuhüllen „in eine warme, liebevolle Atmosphäre, die ihm Geborgenheit [gibt; M. B.] und um ihn einen Schutzwall bildet vor allen Unruhen der äußeren Eindrücke“ (ebd., S. 26).

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Im Kindergarten in Hannover (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
Erstmals versammelten sich 1950 unter der Ägide von Klara Hattmann ein Kreis von Kindergärtnerinnen, Ärzten, Lehrern und ähnlichen Berufsgruppen, die auf der Grundlage der Menschenkunde von Rudolf Steiner eine Methodik und Didaktik für die anthroposophischen Vorschuleinrichtungen diskutierten und entwickelten. Diese Zusammenkunft gilt allgemein in der Waldorfpädagogik als Keimzelle der Kindergartenbewegung. Mit großer Energie trieb Klara Hattermann, unterstützt von Helmut von Kügelgen und Freya Jaffke, die Gründung der „Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergarten e. V.“ voran, die am 19. Oktober 1969 erfolgte. Intensiv arbeitete die Waldorfpädagogin mit Wilma Ellersiek zusammen, die rhythmisch-musikalische Handgestenspiele für das Vorschulkind entwickelte. Durch die Ermutigung von Klara Hattermann entstanden die „Ellersiek-Spiele“, die von ihr in unzähligen Workshops und Arbeitsgruppen verbreitet wurden und heute (nicht nur) in jedem Waldorfkindergarten für die Gestaltung des Morgenkreises, des Reigens, der verschieden Übergange im Alltag, z. B. vom Freispiel zu einer geführten Phase oder in Wartesituationen Anwendung finden (https://www.handgestenspiele.de/wilma-ellersiek.html).

Klara Hattermann starb nach einem erfüllten Leben hochbetagt im alter von 94 Jahren in Hannover.
 

 

Literatur

  • Compani, M.-L. / Lang, P. (Hrsg.): Waldorfkindergarten heute. Eine Einführung, Stuttgart 2011
  • Hattermann, K. : Der Kindergarten als Helfer des Kindes, in: Erziehungskunst 1958/H. 1/2, S. 25–28
  • Dies.: Wie der Kindergarten entstand, in: Erziehungskunst 1960/H. 4, S. 35–36
  • Dies.: Marksteine der Entwicklung der Waldorfkindergärten in Hannover, in: Erziehungskunst 1977/H. 9, S. 458–459
  • Dies.: Elisabeth Grunelius zum 90. Geburtstag, in: Erziehungskunst 1985/H. 6, S. 410–411
  • Landeshauptstadt Hannover (Hrsg.): Bedeutende Frauen in Hannover, Hannover 2003, S. 28

 

Lesetipp:

Waldorfpädagogik



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