Ein neugieriger Blick auf sich selbst

Anregungen zur Selbstreflexion

Reflexion lässt sich als »Sich-zurück-Wenden« des Denkens und des Bewusstseins auf sich selbst verstehen (Wirtz 2017, S. 1499). Ein bewusstes Innehalten, Nachdenken und emotionales Nachspüren hilft, das eigene Verhalten in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken und freundlich-kritisch oder auch neugierig zu hinterfragen. Ziel der Selbstreflexion ist ein vertieftesVerständnis der eigenen Person.

In der Selbstreflexion richtet sich der Blick auf die eigene Person und die Rolle als Erzieher/in. Selbstreflexion zielt auf eine umfassendere Wahrnehmung des eigenen Handelns, seiner Motive und der mitschwingenden emotionalen Themen. Selbstreflexion hilft, sich besser zu verstehen und das eigene Handeln souveräner zu gestalten. Selbstreflexion ermöglicht, ungenutzte Anteile der eigenen Persönlichkeit zum Leben zu erwecken. Selbstreflexion kann auch dazu beitragen, das eigene Selbstbild zu erweitern (»innere Erlaubnis, die selbst gesetzten Grenzen zu überschreiten«).

Der eigene rote Faden

Als Angelpunkt einer Selbstreflexion dient der innere rote Faden der Erzieherin bzw. des Erziehers:
  • Nach welchen eigenen Kriterien beurteile ich mich und die Qualität meiner Arbeit?
  • Welche fachlichen Schwerpunkte setze ich mir?
  • Mit welchen Lebensthemen verbinde ich meinen Beruf?
  • Wie sorge ich dafür, dass die mir wichtigen Aspekte meines beruflichen Handelns zu meiner Zufriedenheit umgesetzt werden?
  • Wie kann ich mein berufliches Handeln verantwortungsvoll und sinngebend gestalten?

Dieser eigene rote Faden darf nie verloren gehen (Wahrung der beruflichen Identität). Werden Ziele durch die/den Vorgesetzte/n vorgegeben, kann dies auch zu Spannungen führen. Die Selbstreflexion könnte dann so lauten: »Will ich das? Passt es zu mir als pädagogischer Fachkraft? Passt es zu mir als Person? Gibt es Freiräume für mich, um in meinem Handeln authentisch zu sein?«

Selbstreflexion trägt dazu bei, sich als veränderbarer Mensch zu erleben, der sich wandeln und neu entdecken kann (Kast 2007). Sie geht einher mit der Neugier, Neues entdecken zu wollen, kann aber auch mit Ängsten verbunden sein, weil die Folgen des Handelns im Unbekannten liegen (Köhlmeier/Liebmann 2019, S. 21).

Themen der Selbstreflexion

Die Selbstreflexion kann sich thematisch u.a. mit folgenden Aspekten beschäftigen: Motivation zur Berufswahl, Erfahrungen in der eigenen Herkunftsfamilie, eigene Erfahrungen als Mutter oder Vater, Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit, persönliche Lebensthemen, das eigene Handeln am Arbeitsplatz im Kontakt mit der Leitung, den anderen pädagogische Fachkräften oder mit den Kindern und deren Eltern.
Die folgenden Fragen dienen als Anregung zur Selbstreflexion.

Die eigene Person
  • Warum handle ich so, wie ich jetzt handle?
  • Was bewegt und berührt mich emotional? Wie kommt das?
  • Welche früheren Erfahrungen spielen in die jeweilige Situation hinein?
  • Welche typischen Verhaltensweisen wiederhole ich in bestimmten Situationen? Was treibt mich dazu?
  • Welche emotionale Bedeutung haben diese Muster für mich?
  • Wo liegen meine blinden Flecken?
  • Warum denke ich so, wie ich denke?
  • Welche Bedeutung messe ich den in mir auftauchenden Emotionen bei?
  • Welche neuen Erkenntnisse eröffnen sich mir durch den Blick auf mich selbst?
Beruf
  • Welche Gründe führten zu meiner Berufsentscheidung?
  • Welche lebensgeschichtlichen Erfahrungen spielen in meine Berufswahl hinein?
  • Welche Menschen sind mir begegnet, die mich in meinem Entschluss, Erzieher/in zu werden, bestärkten und förderten?
  • Welche Anteile meiner Persönlichkeit passen zu dem Beruf einer pädagogischen Fachkraft?
  • Über welche persönlichen Kompetenzen verfüge ich als Mensch, die für den Beruf einer Erzieherin/eines Erziehers wichtig sind?

Lebenskompetenzen sind z.B. eine gut ausgeprägte Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, ein sorgsamer Umgang mit den eigenen und fremden Gefühlen, kritisches Denken etc. (Krenz 2016, S. 19).

Herkunftsfamilie
Die eigenen Lebenserfahrungen in der jeweiligen Herkunftsfamilie bieten oft ein tragendes Grundmodell für die Erfahrungen als Kinder und die Beziehungen und Erwartungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Diese Erfahrungen können angemessen und förderlich sein (z.B. Erfahrungen einer liebenden Hinwendung durch die Eltern). Aber auch Mangelerfahrungen als Kind können in die Motivation für den Beruf einer pädagogischen Fachkraft hineinwirken (»Meine Mutter war sehr kalt und abweisend zu mir – als Erzieher/in möchte ich mich liebevoll den Kindern zuwenden«).

Die entsprechenden Reflexionsfragen könnten z.B. lauten:
  • Wie haben meine eigenen Erfahrungen als Kind meine Erwartungen an verantwortungsvolle Elternschaft geprägt?
  • Habe ich selbst liebevolle Eltern erlebt oder litt ich unter für mich emotional blinden Eltern, die meine Bedürfnisse und Wünsche als Kind nicht wahrnahmen?
Die eigenen Erfahrungen als Kind können den Blick für bestimmte Aspekte bei anderen Kindern schärfen, z.B.: »Ich habe als Kind selber oft Angst gehabt, deshalb spüre ich auch bei den mir anvertrauten Kindern Ängstlichkeit oder Verzagtheit und weiß, was sich in einem Kind abspielt, das verstummt.«

Emotionen
Selbstreflexion bedeutet auch, die mitspielenden Emotionen zu beachten, sich der zugrundeliegenden Motive bewusst zu werden und sich in die Lage zu versetzen, angestrebte Ziele zu überdenken und zu verändern. Insbesondere emotionale Erfahrungen erweisen sich als zentral, langlebig und handlungsleitend.

Hier sei das oben genannte Beispiel noch einmal aufgeführt: Eine Erzieherin, die als Kind oft Angst hatte, wird sich aus der alten Angst, die in ihr schlummert, nur lösen können, wenn sie die emotionale Erfahrung macht, dass es ein Gegengewicht zu ihrer Angst gibt und ihr Menschen begegnen, die sie aus ihrer Angst heraus geleiten. Gelingt ihr dies, entsteht spontan die Fähigkeit, Wegbegleiterin ängstlicher Kinder zu sein.

Lebensthemen und ihre Auflösung
Ein/e Erzieher/in, der/die in seiner/ihrer eigenen Familie oft übersehen wurde, kann den ihr/ihm anvertrauten Kindern unbewusst vermitteln, stillzuhalten und das Verhalten der Eltern einfach hinzunehmen. Eine bewusste Selbstreflexion kann dazu verhelfen, das alte Muster zu verlassen, sich selbst im Arbeitskontext (Gruppe, Team, Eltern, Kinder) Gehör zu verschaffen und andere Kinder zu ermutigen, auf eigene Wünsche und Bedürfnisse zu achten und diese zu äußern.

So kann ein Blick auf die eigene Herkunftsfamilie offenbaren, dass auch die eigene Mutter sich nicht als so wichtig ansah und diese Grundhaltung an ihre Tochter/ihren Sohn »vererbte« (Modelllernen).

Eine bewusste Selbstreflexion kann dazu beitragen, das Grundmuster als etwas zu erleben, was nicht notwendigerweise zur eigenen Person gehört und der pädagogischen Fachkraft gestatten, diese eingepflanzte Überzeugung zu überwinden. Sie erlebt sich als selbstgestaltend veränderbare Persönlichkeit und kann diese Erfahrung an die Kinder weitergeben.

Verfestigte Überzeugungen
Verfestigte Überzeugungen können Anlass für eine eingehende Selbstreflexion sein. Die folgende Gedankenkette zeigt, dass die tieferen Wurzeln einer Überzeugung durch Selbstreflexion zutage gefördert werden können: »Wir sind in unserer Familie alle sozial eingestellt – Wir denken eher an andere als an uns selbst.« – »Kinder spontan zu umarmen, ist völlig in Ordnung.« – »Ehe ich ein Kind berühre, frage ich, ob das Kind mir das erlaubt. Ich respektiere die Integrität und Selbstbestimmung von Kindern und stelle meine eigenen Wünsche selbstverständlich hintenan.«

Ein anderes Beispiel: Auf die Frage einer Praktikantin, warum eine Erzieherin versucht, ein eher wildes Kind zu zähmen, antwortet diese: »Das machen wir hier so, weil: das haben wir immer schon so gemacht. Das ist unsere Pädagogik«. Offen bleibt hier, wie es zu dieser Haltung kam, welche konkreten früheren Erfahrungen in der Kita zu dieser Pädagogik führten, ob diese Pädagogik auch bei diesem konkreten Kind angemessen ist.

Handlungsimpulse unterbrechen
Selbstreflexion kann helfen, spontane Handlungsimpulse zu unterbrechen. Bei dem folgenden Beispiel handelt es sich um den Umgang mit einem »wilden« Kind. Der erste Impuls war, das Kind einzudämmen. Die pädagogische Fachkraft fragte sich: Was kann ich tun, um das Kind ruhiger werden zu lassen? Zu mehr Klarheit und innerer Ruhe bei der pädagogischen Fachkraft führten einige Fragen zur Selbstreflexion: Was löst das Kind mit seiner Art und seinem Verhalten in mir aus? Habe ich anderen Kindern gegenüber, die sich ähnlich verhalten, vergleichbare Gefühle? Welche eigenen Erfahrungen habe ich mit meiner »Wildheit« als Kind gemacht? Wie haben meine Eltern/Geschwister auf mich reagiert? Welche Emotionen haben meine »Wildheit« und die Reaktion der Erwachsenen damals in mir ausgelöst? Welches empathische Verständnis kann ich aufgrund dieser Überlegungen für das Kind entwickeln?

Elterngespräche
Zu einer guten Vorbereitung von Elterngesprächen gehört, die eigene Motivation, die eigenen Gedanken und Gefühle zu reflektieren (Ahl 2019, S. 44): Welche Gefühle lösen die Eltern in mir aus? Wie nah bin ich den Eltern dieses »wilden« Kindes? Wie nah bin ich bei dem Kind? Kann ich mich bei den Eltern gut einfühlen? Wo fühle ich ähnliche spontane Reaktionen in mir auftauchen wie bei den Eltern gegenüber dem Kind und bei dem Kind gegenüber den Eltern?

Selbstreflexion dient hier als bewusste Alternative zu eher an Methoden orientierten Überlegungen (Wie lautet die beste Methode, um mit einem wilden Kind umzugehen?). Eine ausführliche und gut durchdachte Selbstreflexion führt zu neuen Erkenntnissen und Klarheit in der Wahl der dann angemessenen Methoden.

Fazit

Selbstreflexion setzt voraus, auf sich selbst neugierig zu sein, Veränderungen und Wandlungen nicht als bedrohlich, sondern als Ausdruck selbst gestalteten Lebens zu betrachten – das heißt: sich eine eigene Lebendigkeit im Denken, Erleben und Handeln zu erhalten und die Fähigkeit, sich auf das Leben einzulassen und neue Erfahrungen zu machen. Insbesondere für Erzieherinnen und Erzieher, die sich darauf einlassen, kleine Kinder in ihren ersten Schritten im Leben zu begleiten, ist die Bewahrung der eigenen Neugier und des flüssigen Denkens und Handelns wichtig. Die reflektierende Neugier der pädagogischen Fachkraft kann dabei als Spiegel zur welterkundenden Neugier der Kinder angesehen werden. Kinder sind von Natur aus neugierig. »Für sie (die Kinder) gibt es nichts, was sie lieber machen als selbst zu denken. Ständig versuchen sie herauszufinden, was all das bedeutet, was sie wahrnehmen und erleben, wie es mit dem zusammenpasst, was sie schon alles wissen« (Hüther 2015, S. 23). Eine tragende Beziehung zwischen einer pädagogischen Fachkraft und einem Kind ist nur möglich, wenn die Fachkraft die suchende Grundhaltung des Kindes als für sie selbst wichtige Haltung annimmt und dem Kind dies widerspiegelt. »Das Ursprüngliche ist einfach. Aus dem Staunen folgt die Frage und die Erkenntnis, aus dem Zweifel am Erkannten die kritische Prüfung und die klare Gewissheit, aus der Erschütterung des Menschen … die Frage nach sich selbst« (Jaspers 1971, S. 16).

Literatur

  • Ahl, K. (2019): Elterngespräche konstruktiv führen. Systematisches Handwerkszeug . Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Hüther, G. (2015): Etwas mehr Hirn, bitte. Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Jaspers, K. (1971): Einführung in die Philosophie. München: Pieper.
  • Kast, V. (2007): Sich wandeln und neu entdecken. Freiburg: Herder.
  • Köhlmeier, M./Liessmann, K. P. (2019): Wer hat gesagt, dass du nackt bist, Adam? Mythologisch-philosophische Verführungen. München: DTV.
  • Krenz, A. (2016): Psychologie für Erzieherinnen und Erzieher. Grundlagen für die Praxis. Berlin: Cornelsen.
  • Wirtz, M. A. (2017): Lexikon der Psychologie. Göttingen: Hogrefe.


Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus
Kita aktuell ND, S. 119 - 121


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